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Teil 2: Endoparasiten beim Hund - Möglichkeiten und Grenzen der Diagnostik

Vetevo, Laboklin & co. - Was leisten parasitäre Kotanalysen?



Die dreiteilige Blogreihe zum Thema "Endoparasiten beim Hund" beschäftigt sich mit dem tatsächlichen parasitären Risiko für unsere Hunde in Deutschland, den Möglichkeiten und Grenzen der Diagnostik und der Frage, wie schädlich die Therapien, wie Wurmkuren, tatsächlich für die Gesundheit unserer Vierbeiner sind.
 

"Keine unnötigen Wurmkuren mehr."


"Durch die Kotanalyse kann direkt die passende Wurmkur verabreicht werden."


Wie gut, dass ich viele Jahre hauptberuflich für die Hersteller von Laborgeräten für die medizinische Diagnostik gearbeitet habe und für die Zulassung und damit der klinischen Bewertung der Geräte zuständig war. Grenzen und Schwächen zu kennen war da die Grundvoraussetzung und eben diese Geräte der Marktführer finden sich nun bei den bekannten veterinärmedizinischen Laboren, die mit den Kotanalysen unserer Vierbeiner beauftragt werden.


Vorweg: Diagnostik ist genial und ich werde natürlich darauf eingehen, wann sie völlig unumgänglich und sinnvoll ist. Allerdings geht der Trend dahin, dass Menschen nahezu fanatisch den Kot ihrer Vierbeiner auf Allergien, Organfunktion, Parasiten und sonstiger Marker zu Tode analysieren, dass es wichtig ist, auch die Grenzen und Schwächen der Diagnostik zu erläutern. In Bezug auf Hunde kann man sich als Analyselabor zurzeit wirklich eine goldene Nase verdienen und der Kreativität, was mögliche Auswertungen angeht, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wie jedes gute Marketing muss man dafür dem Verbraucher nur ein wenig Angst machen und dabei praktischerweise -dem Trend folgend- "dem Darm zur Liebe eine Chemie-freie" Lösung anbieten.


Es soll hier keine Behauptungen regnen, sondern für alle Leser und Hundehalter nachvollziehbar sein, wie Diagnostik zu bewerten ist. Daher kommen wir leider um ein wenig Theorie und Grundlagen zum Thema medizinische Statistik nicht herum. Keine Angst: Ich versuche mich kurz zu halten und anschaulich zu erklären. Vielleicht verliert ja jemand beim Lesen doch noch sein Herz an die Wissenschaft - hach! :-)

Für die Eiligen: Am Ende des Beitrags findet ihr wieder eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen und natürlich Quellen zum Stöbern und Vertiefen.


 

Grundlagenwissen zur Labordiagnostik


Das Ziel der Diagnostik

Starten wir mit leichter Kost und der Frage, was das Ziel der Diagnostik ist.


Die Diagnostik legt die Wahl der Therapie fest.


Klingt erst einmal einfach und sollten wir dennoch dringend im Hinterkopf behalten. Die Diagnostik setzt also voraus, dass es mehrere Therapiemöglichkeiten gibt und hilft uns bei der Identifizierung der vorliegenden Krankheit.

Anders formuliert: Diagnostik ist immer dann sinnvoll, wenn ich mehrere Therapiemöglichkeiten habe.


Gütekriterien der Labordiagnostik: Sensitivität und Spezifität

Achtung - wir springen jetzt in die Statistik. Was für meine bessere Hälfte ein rotes Tuch ist, muss aber gar nicht kompliziert sein und wir versuchen zusammen an einem anschaulichen Beispiel die Begriffe zu verstehen. Holt euch einen Kaffee und macht es euch gemütlich. :-)


Es gibt keinen diagnostischen Test, der eine 100%ige Treffergenauigkeit aufweist. Fakt.

Um die Genauigkeit von Laborverfahren zu bewerten, gibt es daher vor allem zwei Gütekriterien: Sensitivität und Spezifität.


Die Sensitivität gibt an, wie viele der kranken Hunde auch tatsächlich vom Test als krank identifiziert wurden.


Die Spezifität gibt an, wie viele der gesunden Hunde auch tatsächlich vom Test als gesund identifiziert wurden.


___


Fallbeispiel:

Mellon ist ein vorbildlicher Schäferhund und hat seinen Kot zur parasitologischen Analyse in sein Lieblingslabor geschickt. Laut dem Befund hat er keine Würmer.

Typisch Deutsch ist er kritisch und hinterfragt das Ergebnis. Er hat bei Frauchen mal gelernt, dass es Gütekriterien für Laborverfahren gibt und recherchiert die Sensitivität und Spezifität seines Kotanalyseverfahrens, das auf dem Befund angegeben ist:

Verfahren

Beispiel-Kotanalyseverfahren

Sensitivität:

90 %

Spezifität:

75 %

Etwas anschaulicher dargestellt, bedeutet das:

Test: Positiv

Test: Negativ

Mellon hat tatsächlich Würmer

90 % richtig positiv (Sensitivität)

10 % falsch negativ

Mellon hat gar keine Würmer

25 % falsch positiv

75 % richtig negativ (Spezifität)

Mit seinem negativen Ergebnis besteht eine Wahrscheinlichkeit von 10%, dass Mellon trotz seines negativen Befundes Würmer hat. 10 von 100 Hunden werden also falsch diagnostiziert und trotz Infektion nicht behandelt.

Mellon grübelt. Er weiß, dass es noch mehr Größen gibt, über die die Genauigkeit eines Laborverfahrens bewertet werden kann.


So hat die Prävalenz, also die Autrittswahrscheinlichkeit einer Krankheit innerhalb einer Population einen erheblichen Einfluss auf die Aussagekraft der Ergebnisse. Er holt den Taschenrechner und rechnet durch:

Anteil der Hunde in Deutschland, die Würmer haben:

Wahrscheinlichkeit, dass Mellon mit negativen Befund trotzdem Würmer hat:

Keine Angabe

10 %

Prävalenz: 30%

5,5 %

Prävalenz: 50%

12 %

Prävalenz: 80%

35 %

Je mehr seiner Hundefreunde in Deutschland tatsächlich Würmer haben, desto größer ist die Gefahr eines falsch-negativen Kotergebnisses und dass er nicht behandelt wird.

Leider findet Mellon keinerlei belastbare Daten zur Prävalenz, sodass er nicht weiß, wie oft ein bestimmter Parasit bei Hunden vorkommt. Er hat mal gehört, dass die wohl Dunkelziffer recht hoch ist, weil Hunde ohne Symptome meist gar nicht getestet werden. So genau weiß das aber wohl niemand.


Mellon hat Kopfschmerzen. Auch wenn Frauchen ihn immer für etwas Besonderes hält, beschließt er, dass er heute mal zu der Masse und damit den 90% der richtig diagnostizierten Hunde gehört. :-)


Selbst bei korrekt angewandtem Verfahren gibt es darüberhinaus noch Gründe, warum es zu einem falschen Ergebnis kommen kann, die die Statistik noch beliebig komplizierter werden lässt. Statistik ist aber auch schlichtweg der Versuch das komplizierte reale Leben irgendwie messbar und greifbar zu machen und wir sollten -ähnlich wie bei Nährwerten- die Zahlen nur als grobe Richtwerte sehen.

Mellons Exkurs soll uns lediglich vor Augen führen, dass Laborverfahren, selbst wenn sie korrekt ausgeführt werden, immer zu falschen Ergebnissen führen können.

Nehmen wir ein wenig Abstand von der Mathematik und widmen uns nun konkreten Fehlerquellen, die noch zu einem falschen Ergebnis bei der parasitologischen Untersuchung führen können. Hierfür müssen wir eingangs jedoch verstehen, welche koproskopischen Nachweisverfahren es grundlegend gibt und wo die individuellen Vor- und Nachteile liegen.

 

Koproskopische Verfahren


Im Wesentlichen gibt es derzeit zwei grundlegende Verfahren, um Endoparasiten festzustellen: Mikroskopische und immunologische Verfahren.


Bei mikroskopischen Verfahren, wie Flotation oder Sedimentation, wird ein Teil des Kotes aufbereitet und auf vorhandene Vermehrungsprodukte, wie Eier oder Larven, mikroskopisch untersucht. Dieses Verfahren ist der Standard bei der Identifikation eines Wurmbefalls.

Vorteile mikroskopischer Verfahren

Nachteile mikroskopischer Verfahren

Ergebnisoffen (Parasiten müssen nicht bekannt sein)

Fehlbestimmung möglich (z.B. Pollen)

Sammelkotprobe erforderlich

Präpatente Infektionen werden nicht erkannt (Tier muss ansteckend sein)

Limitierte Artbestimmung

Immunologische Verfahren dagegen arbeiten nach dem Antigen-Antikörper-Prinzip. Hier werden künstliche Antikörper erstellt, die zum gesuchten Antigen passen. Trifft der jeweilige Antikörper auf das passende Antigen, kann so ermittelt werden, um welchen Parasiten es sich handelt. Typischerweise wird dieses Verfahren bei der Identifikation von Einzellern verwendet. Meines Wissens ermöglicht bisher IDEXX als einziges Labor ein immunologisches Verfahren auch für den Nachweis von Würmern (siehe PetChek IP)

Vorteile immunologischer Verfahren

Nachteile immunologischer Verfahren

Nachweis präpatenter Infektionen

Antigene müssen bekannt sein

Artbestimmung

Einzelne Kotprobe ist ausreichend


 

Grenzen der Diagnostik


Die größte Grenze der Diagnostik ist, dass wir nur identifizieren können, was auch in der Probe vorhanden ist. Sprich: Parasiten, die keinerlei Spuren im Kot hinterlassen, können auch nicht identifiziert werden (z.B. Augenwürmer oder Herzwürmer). Hier müssen wir im Hinterkopf behalten, dass wir anderes Probenmaterial (z.B. Blut) benötigen.


Im Falle vom aktuell gängigsten Verfahren (Sedimentation/Flotation) müssen wir uns bewusst machen, dass selbst bei einer Sammelkotprobe falsch-negative Ergebnisse zustandekommen. Grund hierfür kann eine präpatente Infektion sein oder aber die Tatsache, dass die eingeschickte Probe keinerlei Vermehrungsprodukte enthält, was aufgrund der intermittierenden Ausscheidung oder im Falle von häufigem Kotabsatz und Durchfällen sehr wahrscheinlich ist.


Eine Kombination aus beiden Verfahren würde sicherlich die höchste Sicherheit bieten, ist aber aufgrund der Komplexität und deutlich höheren Kosten nur schwer wettbewerbsfähig und kaum für die Masse realisierbar.

 

Chancen und Vorteile der Diagnostik


Meines Erachtens gibt es vor allem einen echten Vorteil der Diagnostik: die Artbestimmung.


Gerade im Falle von Einzellern, wie Giardien und Kokzidien, ist die Klassifizierung der Spezies wichtig, um über die korrekte Therapie zu entscheiden. Bei Würmern haben wir, wie wir in Teil 3 noch sehen werden, weniger Auswahl, was die Therapie angeht, sodass eine Artbestimmung hier selten notwendig ist.


Auch in Hinblick auf Prävalenz-Studien macht es Sinn, breitflächig den Kot auf verschiedene Vermehrungsprodukte zu untersuchen, um neue Parasiten zu identifizieren und auch die Ausbreitung und Auftrittswahrscheinlichkeit zu beziffern.

 

Zusammenfassend die wichtigsten Aussagen im Überblick


1. Kotanalysen finden nur Parasiten, die im Kot sichtbar sind

Wie wir in Teil 1 der Blogreihe gelernt haben, befallen Endoparasiten in Deutschland nicht nur den Darm, sondern auch viele weitere Organe. Eine Kotanalyse kann jedoch nur Parasiten nachweisen, die im Kot sichtbar sind. Für die Abklärung weiterer Endoparasiten, wie Herz- oder Augenwürmer müssen andere Proben (z.B. Blut) entnommen und untersucht werden.


2. Diagnostik ist fehleranfällig

Neben der Bewertung der Zuverlässigkeit eines Verfahrens anhand von Sensitivität und Spezifität, hängt die Diagnostik auch stark von der individuellen Probe ab. So kann die Diagnostik falsch-negativ ausfallen, wenn der Kot aufgrund der intermittierenden Ausscheidung des Parasiten keine Vermehrungsprodukte enthält, der Hund präpatent infiziert ist oder schlichtweg Eier als Pollen fehlbestimmt wurden.


3. Diagnostik ist teurer als Therapie.

Die Therapiekosten für einen Hund steigen mit seinem Gewicht. Möchte man den gleichen Umfang an Parasiten identifizieren, die beispielsweise eine Wurmkur abtötet, so sind die Kosten für die koproskopische Abklärung deutlich höher als die Verabreichung des Medikaments.


4. Kotanalysen ersetzen keine Wurmkur.

Kotanalyse machen Wurmkuren nur dann "überflüssig", wenn sie zu 100% die Parasiten identifizieren, die eine Wurmkur abtötet. Fakt ist: Das können sie gar nicht.

Auf Rückfrage empfehlen Labore, wie Vetevo "mindestens einmal jährlich eine Sicherheitsentwurmung durchzuführen" eben weil die diagnostische Ungenauigkeit bekannt ist. Insbesondere Bandwürmer sind im Rahmen von mikroskopischen Untersuchungen stets Zufallsbefunde, wohingegen die Prävalenz des Parasiten in Deutschland recht hoch ist.


5. Das Ziel der Diagnostik ist die Wahl der richtigen Therapie.

Im Falle von Würmern gibt es jedoch nur wenige Wirkstoffe, die meist ohnehin in Form von Kombipräparaten verabreicht werden, wie wir noch in Teil 3 lernen werden. Bei Würmern erfolgt aufgrund des mikroskopischen Verfahrens ebenfalls keine genauer Artbestimmung, sodass von einer spezifischen Therapie nicht gesprochen werden kann. Wichtig ist auch zu verstehen, dass die Diagnostik keinerlei Informationen über die Schwere der Erkrankung und die Parasitenlast des Hundes Auskunft gibt.


6. Die Diagnostik ist essentiell bei der Differenzierung/Artbestimmung.

Insbesondere bei Einzellern ist eine Artbestimmung sinnvoll und auch diagnostisch über immunologische Verfahren gegeben, sodass hier die entsprechende Therapie eingeleitet werden kann. Hier greifen pauschale Wurmkuren jedoch ohnehin nicht, sodass bei Verdacht auf Kokzidien/Giardien/Blastozyten ohnehin immer die diagnostische Abklärung erfolgen muss. Ebenfalls sinnvoll ist die Diagnostik um die Prävalenz (Auftrittswahrscheinlichkeit) eines Parasiten im Rahmen von Studien zu ermitteln oder neue Parasiten zu identifizieren.

 

Ich möchte Diagnostik auf keinen Fall schlechtmachen. Im Gegenteil: Wenn wir hier weiter forschen und die Methoden günstiger werden, dann ist die Diagnostik auf jeden Fall eine sehr gute Möglichkeit, um die Gabe von Medikamenten gezielter und reduzierter zu gestalten. Die aktuell angebotenen Methoden müssen jedoch relativiert werden. Gerade weil Kotanalysen zurzeit als der heilige Gral betrachtet werden, ist eine kritische Reflexion wichtig. Für eine individuelle Risikoabschätzung müssen die (aktuellen) Grenzen der Diagnostik transparent sein. Über Management können sowohl Kotanalysen als auch Wurmkuren eingespart werden - je weniger Kontrolle wir jedoch darüber haben, mit wem unser Tier Kontakt hat (Freilauf, Hundeschulen, Jagd, Tierkontakte, immungeschwächte Tiere und Menschen), desto mehr müssen wir das individuelle Risiko einer Infektion für unseren Hund, aber auch uns, bewerten.

 




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1 Comment


Die beiden Artikel fand ich super interessant und gut nachvollziehbar dargestellt. Und Mellon sei Dank war sogar die Statistik amüsant :-)

ich bin schon auf den letzten Teil gespannt!

LG Petra K.

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